Absurde Telefonate mit der Arbeitsagentur: ein echtes Schmankerl


Hallo!

Nur eine kleine Warnung vorweg: Es ist wirklich viel zu lesen, ein halber Roman.
Aber dafür ist jedes Wort davon wahr und heute morgen selbst erlebt. :)
Und noch eines: Den Angestellten der Arbeitsagentur mache ich gar keinen Vorwurf. Die meisten Menschen, mit denen ich dort zu tun habe, sind wirklich super-nett, engagiert, bemüht... (auch wenn es dort, wie wohl überall, auch das eine oder andere schwarze Schaf gibt). Der Fehler liegt nicht bei den einzelnen Menschen, sondern im System... :huh:

Und hier beginnt nun die Geschichte.



Also eigentlich betreue ich ja Jugendliche. Aber manchmal kommen auch die Eltern mancher Jugendlicher zu mir, wenn sie einen Rat brauchen und sie nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen.
Heute Vormittag kommt Herr XY, der Vater eines Jugendlichen zu mir. Der bezog bisher ALG II (arbeitete so ca. 2,5 Stunden am Tag, und der Differenzbetrag wurde von der Agentur gezahlt). Herr XY hatte jetzt die Gelegenheit, seine Arbeitszeit auf 32 Stunden pro Woche aufzustocken, und war heute morgen bei der Agentur, weil er seinem Berater von diesem freudigen Ereignis berichten wollte – man ist ja verpflichtet, der Agentur jegliche Veränderung sofort mitzuteilen. Das wollte Herr XY also heute Vormittag tun.
Herr XY kam dann zu mir in die Einrichtung, in der Hand eine Drucksache „Mitteilung über die Zuverdienstgrenzen für Hartz-IV-Empfänger“ vom Oktober 2005 oder so. Diesen Wisch hatte der Berater ihm in die Hand gedrückt, Herr XY solle das durchlesen. Dazu muss man sagen, dass Herr XY nicht ursprünglich aus Deutschland stammt. Er bemüht sich zwar nach Kräften, sich hier einzufügen, aber mit dem Behördendeutsch hapert es eben noch manchmal. Da kommt Herr XY dann immer zu mir und lässt sich von mir alles noch mal genau erklären.

Ich schaue also das Formular an, und stelle fest: Hier geht es darum, wie viel man als ALG-II-Empfänger dazu verdienen darf, und dabei trotzdem noch ALG-II beziehen kann. Dabei wollte Herr XY der Agentur doch pflichtgemäß mitteilen, dass er jetzt fast Vollzeit arbeitet, und dass er wahrscheinlich gar kein ALG-II mehr benötigen wird.

Daraufhin habe ich versucht, unsere örtliche Agentur anzurufen.
Ein Anruf bei der Agentur ist jedes Mal spannend. Man erreicht ja nicht unbedingt immer jemanden. Manchmal ist dauerbesetzt. Manchmal hat man auch Dauerklingeln, ohne dass jemals jemand abnimmt. Manchmal stößt man auch auf eine spannende Bandansage. Und wenn man tatsächlich mal auf Anhieb einen realen Gesprächspartner in die Leitung bekommt, dann ist noch lange nicht gesagt, dass diese reale Person auch in unserer örtlichen Arbeitsagentur sitzt. Manchmal landet man nämlich auch in einem sogenannten „Service-Zentrum“ der Agentur, irgendwo am anderen Ende unserer schönen Republik.

Auf jeden Fall wählte ich dann heute Vormittag noch ganz optimistisch die Nummer unserer Arbeitsagentur hier vor Ort. Es kam eine Bandansage, allerdings aber eine Ansage, die ich bisher noch nicht kannte. Spannend. Zuerst wurde ich von der freundlichen Computerstimme gebeten, entweder eine (1) (weiß nicht mehr wofür) oder eine (2) (für Auskünfte zum Arbeitslosengeld) einzutippen, je nachdem was mein Anliegen sei. Brav tippte ich die (2) ein, da ich ja eine Frage zum Arbeitslosengeld hatte. Nun kam eine weitere Bandansage: „Bitte geben Sie Ihre fünfstellige Postleitzahl ein“. – Ich tippe ein... 12345
„Es tut uns leid, wir konnten Ihre Eingabe leider nicht zuordnen. Bitte geben Sie Ihre fünfstellige Postleitzahl ein“. – Nochmal tippe ich ein: 12345
Wiederum: „Es tut uns leid, wir konnten Ihre Eingabe leider nicht zuordnen. Bitte geben Sie Ihre fünfstellige Postleitzahl ein.“
Ich hole tief Luft und tippe zum dritten Mal: ... 12345
Irgendwas habe ich dieses Mal anscheinend richtig gemacht. Ich bekomme nämlich eine Ansage: „Es tut uns leid, leider können wir keine Auskünfte zum Arbeitslosengeld mehr geben. Bitte wenden Sie sich an Ihre örtliche Arbeitsvermittlung, an die ARGE oder an Ihr Jobcenter. Auf Wiederhören.“

Regt man sich darüber auf? Eigentlich nicht mehr. Das war ja nicht das erste kafkaeske Telefonat, das ich mit der Agentur (bzw. mit dem Telefoncomputer der Agentur) geführt habe. Stattdessen nehme ich das örtliche Telefonbuch 2006 / 2007 zur Hand (die Nummer der Agentur hier vor Ort kenne ich auswendig, die Nummer des Jobcenters aber nicht). Unter dem Eintrag „Arbeitsagentur“ habe ich jetzt noch zwei Stellen zur Auswahl, und als erstes wähle ich die Nummer der ARGE (= Jobcenter). Es kommt eine Bandansage, die mir mitteilt, dass ich leider außerhalb der Öffnungszeiten anrufe. Klar, inzwischen ist es ja auch schon 11.30 Uhr am Vormittag, das ist natürlich auch ein bisschen arg spät für einen Donnerstag. Die nächste Gelegenheit, die ARGE telefonisch zu erreichen, habe ich am Freitag von 7.30 bis 11.00 Uhr.
Aber ich verzage nicht, denn es gibt ja noch eine dritte Nummer zur Auswahl: „Arbeitsvermittlung und Arbeitslosengeld“, und bei Herrn XY geht es ja schließlich ums Arbeitslosengeld. Ich wähle also die Nummer, und kriege: „tüt-tüt-tüüüüüt... kein Anschluss unter dieser Nummer.“ Häh? Naja, vielleicht habe ich mich verwählt. Kann ja mal passieren. Also noch mal die Nummer. Und noch mal: „Tüt-tüt-tüüüüüüt... kein Anschluss unter dieser Nummer.“
Ich kratze mich am Kopf, schaue mir die Nummer genauer an... was mich stutzig macht: Da steht eine Vorwahl, und zwar die Vorwahl unserer 20 km entfernten Kreisstadt (wo der Hauptsitz „unserer“ Agentur ist. Die örtliche Agentur ist ja lediglich eine Zweigstelle.) Und nach der Vorwahl der Kreisstadt steht eine Durchwahlnummer unserer örtlichen Agentur (da ich auch schon öfter mit der Agentur in der Kreisstadt telefoniert habe, weiß ich, dass die eine völlig andere Durchwahlnummer haben).
Versuch macht klug, also lasse ich einfach mal die Vorwahlnummer der Kreisstadt weg und wähle bloß die Durchwahl.
Volltreffer.
Es klingelt.
Jemand hebt ab.
Eine nette Frauenstimme meldet sich und fragt mich, was sie für mich tun kann. Ein realer Mensch. Ich kann mein Glück kaum fassen.
Trotzdem. Ich atme tief durch, melde mich und frage: „Darf ich erst mal meinen Kropf leeren?“ (Jaja, nicht sehr professionell, aber mir war irgendwie gerade so danach. Weiß auch nicht warum)
Die Frau lacht und meint, dass ich natürlich meinen Kropf leeren darf.
Ich erzähle ihr also die Geschichte von Herrn XY, und dass es einfach nicht sein kann, wenn „Kunden“ (ja, die Agentur bezeichnet ihre Bittsteller ganz modern als „Kunden“), also auf jeden Fall, wenn Kunden dann in der Agentur vom Berater mal geschwind so einen Wisch in die Hand gedrückt bekommen, mit dem sie erstens nix anfangen können, und der zweitens auch überhaupt nix mit dem Anliegen und mit der Fragestellung des Kunden zu tun hat.
Die Frau stimmt mir zu.
Ich sage der Frau, dass ich beruflich viel und oft mit der Agentur zu tun habe, und dass ich immer wieder erlebe, dass es dort viele sehr nette, sehr kompetente, sehr engagierte Mitarbeiter gibt, die sich wirklich Mühe geben und so. Aber dass ich leider auch immer mal wieder so was erlebe wie im Fall von Herrn XY. Und dass ich finde, dass das einfach nicht sein kann.
Die Frau stimmt mir zu.
Ich sage der Frau, dass ich für Jugendliche zuständig bin, und dass die Jugendlichen leider immer wieder ihre Eltern mitbringen, weil die mit den komplizierten Anträgen und Formularen nicht zurecht kommen. Dass ich Eltern habe, die leider nicht in der Lage sind, selbst eine Bewerbung zu schreiben. Und dass es einfach nicht sein kann, dass manche Angestellten in der Agentur diese Eltern dann wieder wegschicken, ohne denen dabei zu helfen, diese Anträge oder Formulare auszufüllen... die Frau stimmt mir NICHT zu, und sagt:
„Oh nein, Anträge ausfüllen, das machen wir grundsätzlich nicht. Dafür sind wir nicht zuständig.“ Ich frage die Frau, wer denn dann dafür zuständig ist, wenn die Antragsteller das nicht selbst auf die Reihe bekommen. Die Frau meint, dann müssten die Antragsteller halt zu irgendjemand gehen, der ihnen dabei behilflich sein kann. Ich frage die Frau, wer das denn wohl sein kann, wenn das Problem mancher Leute genau das ist, dass sie nämlich niemand kennen, der ihnen dabei behilflich sein kann... Und die Leute kommen dann halt zu mir, ich bin zwar auch nicht zuständig, aber ich bin ja dann so blöd und schicke keinen weg und so... Ich mach’s dann halt und fülle es mit den Leuten aus, aber das kann’s ja irgendwie auch nicht sein. Die Frau weiß da leider auch keinen Rat, außer, dass ich das vielleicht mal direkt und persönlich mit meiner örtlichen Agentur klären soll. Ich frage sie: „Ach, oh je, ich ging jetzt davon aus, dass Sie von der örtlichen Agentur in Y-Stadt sind. Das sind Sie gar nicht? Sie sitzen in irgendeinem Service-Zentrum ganz wo anders?“ Richtig, die freundliche Frau sitzt in einem Service-Zentrum weit-weit weg, in unserer Landeshauptstadt.
„Sehen Sie“, sage ich zu der Frau, „dann bringt es wahrscheinlich auch nix, wenn ich Ihnen jetzt mitteile, dass meine örtliche Agentur unter einer falschen Nummer im Telefonbuch steht.“ Die Frau meint, „Wie bitte? Das habe ich jetzt nicht ganz verstanden.“ – „Machen Sie sich nichts draus“, meine ich, „vor der Durchwahl der örtlichen Agentur steht die Vorwahl unserer Kreisstadt, und wenn man das so wählt wie es im Telefonbuch steht, dann kriegt man eben kein Anschluss unter dieser Nummer. Aber ich war ja glücklicherweise schlau genug, und habe gemerkt, dass das ein Druckfehler im Telefonbuch sein muss. Sonst könnte ich ja jetzt nicht mit Ihnen telefonieren.“ (Auch schizo, oder? Da lasse ich die Vorwahl weg und lande dann noch weiters weg, in einer ganz, ganz anderen Stadt).
Übrigens kann die Frau mir in der Angelegenheit von Herrn XY natürlich auch nicht weiterhelfen, da muss Herr XY mit seinem Berater von der ARGE vor Ort sprechen.
Daher beenden die Frau und ich unser Telefonat in freundlichem Einvernehmen.

Meine Geduld geht so langsam allerdings doch zur Neige. Außerdem habe ich auch noch andere Dinge zu tun an diesem schönen Donnerstag. Ich schreibe also handschriftlich ein Brieflein folgenden Inhaltes:
„Sehr geehrte Damen und Herren,
Herr XY war vorhin bei Ihnen und wollte Ihnen mitteilen, dass er seit gestern 32 Stunden pro Woche arbeitet. Herr XY braucht also keine „Mitteilung über die Zuverdienstgrenzen“, sondern m.E. braucht Herr XY das Formular ÄNDERUNGSMITTEILUNG und das Formular VERDIENSTBESCHEINIGUNG (Formulare 2.1 und 2.2), wir wollen nämlich vermeiden, dass Herr XY für den Rest des Monats zu Unrecht Leistungen bezieht und nächsten Monat dann Leistungen zurückzahlen muss. Falls Sie noch Fragen haben, erreichen Sie mich unter ......
MfG , usw. usw. Blablabla“

Bissige Kommentare (wovon mir genügend eingefallen wären) habe ich mir verkniffen (irgendwie bin ich dann doch manchmal noch halbwegs professionell).
Das Brieflein habe ich an das Formular „Mitteilung über die Zuverdienstgrenzen“ rangetackert und Herrn XY noch mal zur Agentur geschickt.
15 Minuten später steht Herr XY wieder bei uns vor der Türe, mit den benötigten Formularen.

Na also. GEHT DOCH.

Eher aus Spaß frage ich Herrn XY beiläufig: Und? Haben die Leute bei der Agentur sich entschuldigt?
Herr XY: Wie, entschuldigt?
Ich: Naja, hat der Mann gesagt: Entschuldigung, dass ich Ihnen vorhin das falsche Formular mitgegeben habe, Herr XY?
Herr XY: Nix entschuldigt. Der Mann hat geschimpft.
Ich: Wie, geschimpft?
Herr XY: Der Mann hat gefragt, warum ich so spät komme. Die Agentur hat seit 5 Minuten geschlossen. Und ich soll morgen wiederkommen.

WIE BITTE??????
Also irgendwo ist dann aber auch mal gut, ODER?????

Herr XY blieb aber standhaft und ließ sich nicht abwimmeln, so dass der Angestellte bei der Agentur dann doch noch die drei benötigten Formulare rausrücken musste. Die habe ich dann zusammen mit Herrn XY ausgefüllt, und damit ist dann hoffentlich seiner Meldepflicht Genüge getan.


ACH JA, übrigens, bevor ich das vergessen: Herr XY ist schwer krank. Der müsste per Gesetz eigentlich überhaupt nicht arbeiten. Aber Herr XY ist derart bemüht, sich hier anzupassen und alles richtig zu machen, dass er bloß um alles in der Welt kein Arbeitslosengeld mehr beziehen will, solange er das noch irgendwie auf die Reihe kriegt...
Wahrscheinlich arbeitet er sich jetzt zu Tode...


:blink: :blink: :blink:

Ohje......


schön, wie du schreibst. hach ja, das liebe arbeitsamt. immer wieder erstaunlich, wie die sich um telefonate drücken. ich erreiche immer jmd. allerdings noch nie einen, der für mich zuständig ist.


Genau so gehts heute zu, der Hintergrund ist der das immer mehr Bürokratie mit immer weniger Personal bewältigt werden muss. Siehe Telefonbranche - da gehts genauso zu. Es dauert nicht mehr lange dann läuft das Meiste über Callcenter im Ausland.

Aber wehe man hat bei den AA nicht rechtzeitig die Änderung mitgeteilt...


ich habe das gleiche hinter mir. habe eine veränderungsmittteilung geschrieben, da ich wieder vollzeit gearbeitet hab. trotzdem wurde mir zwei monate lang geld überwiesen. jetzt muss ich das natürlich zurückzahlen, aber auch erst, nachdem ich echt gekämpft hab. zum glück hab ich das geld behalten. die hatten sogar meinen arbeitsvertrag. wussten also, wann ich wieder arbeite. bescheuert.


Bei mir sind die im AA auch solche ...

Als ich nach dem Studium arbeitslos war haben sie es so gedreht, daß sie mir im ersten Monat genau 1 (in Worten: einen) Tag Arbeitslosengeld zahlen mussten. Als ich dann im nächsten Monat ne Stelle hatte, und denen das auch gemeldet hab, dachte ich es wäre jetzt alles ok. Weit gefehlt. Die haben es nicht geschafft, mir das ALG abzustellen. Bis ich mal angerufen hab, und sie fragte, ob sie nicht was vermissen... :lol:

Dann kamen 6 Briefe von denen, die sagten, ich hätte widerrechtlich ALG bezogen...blafasel.... Das klang dann so als hätte ich es absichtlich gemacht. Hab das Geld zurückgezahlt, und mich über den 1 Tag ALG gefreut, den ich in dem Monat bekommen hab. Muß schauen, daß ich nicht alles auf einmal ausgeb...


:lol: Sorry, muss lachen. Ist natürlich für den Antragssteller nicht witzig, aber irgendwie eine typische "Arbeitsamt"-Story! :D

Klar, die Menschen dort sind z. T. überfordert. Und/oder müssen sich mit irrwitzigen Bestimmungen rumschlagen. Ist auch sicher nicht immer leicht.

Ich selbst bin ja derzeit arbeitslos und habe bisher nur gute Erfahrungen mit meiner Vermittlerin gemacht. Die ist supernett. Aber ich war schon mal 1992 arbeitslos und da haben die noch eine absolute Arroganz an den Tag gelegt. 2003 war ich noch mal für 2 Monate arbeitslos, da waren die schon netter und diesmal habe ich - außer, dass ich manchmal aus den Voraussetzungen für die Zusendung eines "Bewerbungsvorschlages" nicht schlau werde - keine Beanstandungen. :rolleyes:

Hier ist eine Story, die mal als Email rumging. Ist auch länger, aber hat eine zynische Komik, über die ich mit totlachen kann. (Ist schon etwas älter).

Auf dem Arbeitsamt in Dachau

Da mein Arbeitsverhältnis an der TU München aufgrund eines befristeten Arbeitsvertrages am 29.02.04 endete, nahm ich meine Rechte als deutscher Staatsbürger wahr und meldete mich arbeitslos. Um an das Arbeitslosengeld zu kommen, muss man sich allerdings einmal zwangsberaten lassen. Man bekommt also irgendwann mal eine schriftliche Einladung, bzw. Vorladung und muss dann zu diesem Termin erscheinen.
Am Freitag, dem 05.03.04 fand also mein großer Auftritt in der Bundesagentur für Arbeit in Dachau statt.

Ich erscheine pünktlich um 10:00, klopfe an die Tür meiner persönlichen Beraterin aber es ist noch niemand da. Ist auch nicht weiter schlimm, dann warte ich halt noch ein wenig. Kurz darauf kommt die Bundesagentin für Arbeit den Gang herunter, schließt die Türe auf, an der ich geklopft habe und geht hinein. Ich denke mir "coole Sache" und gehe hinterher. Ohne sich umzudrehen sagt sie:
"Herr Streifinger"
"Ja"
"Sie haben einen Termin?"
"Ja"
"Sie werden aufgerufen!"
Na gut, geh ich halt wieder raus und mach die Tür hinter mir zu. Gleich drauf geht die Tür wieder auf:
"Herr Streifinger!"
GRMPF. Ich kämpfe ein wenig gegen meinen dicken Hals, beschließe aber, höflich zu bleiben und trete ein.

Ich: Guten Morgen.
Bundesagentin für Arbeit: -
Sie schaut mich nicht mal an. Starrt nur einige Minuten auf ihren Monitor und blättert irgendwo rum.

Bundesagentin für Arbeit: Sie sind Diplom-Informatiker?
Ich: Ja.
Sie versucht auch gar nicht, irgendwie höflich zu wirken. Sie spricht es nicht aus, aber es ist ganz klar: "Ich entscheide selber, zu wem ich höflich bin. Und Du lästiger arbeitsloser Winsler gehörst heute nicht dazu."

Bundesagentin für Arbeit: Sie wollen eine Stelle als Projektingenieur?
Pause. ---
Das geht ja gar nicht!

Ich: Warum soll das nicht gehen?
Bundesagentin für Arbeit: Sie haben ja gar keine Ausbildung.
Häää ???
Ich: Nun gut, ich habe promoviert. Ich glaub schon, dass das eine Ausbildung ist.

An dieser Stelle muss man anmerken, dass ich bereits bei meinem ersten Termin schon diverse Formulare ausgefüllt habe und meinen Lebenslauf, natürlich mitsamt der Ausbildung ausführlich geschildert habe. Ebenso wie diverse sonstigen Kenntnisse, die mich für eine etwaige Anstellung qualifizieren könnten.

Bundesagentin für Arbeit: Sie sind Informatiker! Wie kommen Sie auf die Idee, eine Stelle als Projektingenieur zu bekommen?
Ich: Na ja, ich habe eben promoviert und denke, dass so eine Stelle ganz gut zu meiner Ausbildung passen würde.

Bundesagentin für Arbeit: Ja was promoviert? Sind sie Techniker?
Das ist zuviel. Ich muss laut lachen. Ja, klar. Ich hab mein Diplom gemacht und dann als Weiterbildung noch in drei Jahren den Techniker drangehängt. Eigentlich wollte ich noch meine Gesellenprüfung machen, bevor ich mir einen Job als Projektingenieur suche.
Ich: Nein, ich bin kein Techniker. Ich habe promoviert. Ich habe eine Doktorarbeit geschrieben und bereits im Dezember eingereicht.

Bundesagentin für Arbeit: Ja wie Doktor? Das hätten Sie schon angeben müssen.
Ich hab’s angegeben...
Ich: -

Sie liest wieder auf Ihrem Monitor...
Bundesagentin für Arbeit: Seit Dezember 2000 Promotion an der TU München. Ja und? Als was? Glauben Sie, das kann ich riechen?

Riechen wirst Du's nicht können, aber lesen vielleicht. Ich hab’s jedenfalls auch angegeben... Langsam geht’s mir auf die Nerven... Ich versuche trotzdem ruhig zu bleiben. Wenn ich jetzt mit dem Fachgebiet Höchstfrequenztechnik ankomme, dreht die Agentin hohl...
Ich: In Hochfrequenztechnik
Bundesagentin für Arbeit: Ja und? Was ist das?

Ich: Hochfrequenztechnik ist ein Teil der Elektrotechnik und die wiederum ist ein Ingenieursfach.
Bundesagentin für Arbeit: Was haben Sie denn nun studiert?
Macht die das mit Absicht?
Ich: Ich habe Informatik studiert und in Hochfrequenztechnik promoviert.

Meine persönliche Agentin verzieht das --- nennen wir es Gesicht, schüttelt den Kopf, schnauft laut und tippt irgendwas in den Rechner.
Bundesagentin für Arbeit: Was haben Sie für Berufserfahrung?

Aha. Promotion in einem Ingenieursfach und eine Bewerbung als Projektingenieur geht also scheinbar zusammen. Oder sie hat aufgegeben.
Wenn ich Ihr jetzt erzähle, dass ich frisch von der Uni komme und daher KEINE Berufserfahrung habe, platzt sie. Also bin ich gaaaanz vorsichtig.

Ich: Was habe ich denn zur Auswahl? Oder soll ich einfach mal aufzählen, was ich alles gelernt habe?
Bundesagentin für Arbeit: Ja, erzählen Sie mal.
Mist. Das wird nicht leicht. Aber vorsichtig sein kommt gut an. Die Agentin wird etwas ruhiger.

Ich: Puuh. Das ist ein weites Feld.
Bundesagentin für Arbeit: Haben Sie PC-Kenntnisse?
Neiiiin, ich muss sterben. Ich fall fast vom Stuhl vor lachen.
Ich: Entschuldigung. Ich habe fünf Jahre Informatik studiert. Ich denke schon, dass ich PC-Kenntnisse hab.
Lachen war nicht gut. Die Agentin verspannt sich wieder.

Bundesagentin für Arbeit: Ja was können Sie denn?
Na gut, ich versuche wieder ernst und freundlich zu bleiben.
Ich: Ich habe sehr gute Kenntnisse in verschiedenen Office-Paketen, Datenbanken, Programmierung, ...
Die Agentin fällt mir ins Wort. Ich glaub, sie hat irgendwas gehört, das sie auch kennt.
Bundesagentin für Arbeit: Datenbanken? Welche Datenbanken kennen Sie denn?
Ich: Alle.

Jetzt ist sie richtig sauer. Sie schreit mich fast an.
Bundesagentin für Arbeit: Alle? Wissen Sie eigentlich, wie viele Datenbanken es gibt? Soll ich etwa hinschreiben, ALLE?

Gibt’s da echt so viele?
Ich: Ich habe fünf Jahre lang Informatik studiert. Ich weiß ziemlich gut, wie viele Datenbanken es gibt. Wissen Sie, wie das Studium angelegt ist? Da lernt man die Grundlagen. Ich KANN mit ALLEN Datenbanken arbeiten.
Jetzt ist sie beleidigt, oder so was.

Bundesagentin für Arbeit: Na gut, schreib ich rein ALLE.
Nach einer kurzen Pause wird sie wieder unglaublich laut. Ich glaub, sie denkt, sie hat mich jetzt erwischt.
Bundesagentin für Arbeit: Und Programmiersprachen? Soll ich da auch reinschreiben alle?

Also eigentlich ist mir scheißegal, was Du da reinschreibst. Job bekomme ich von Euch eh keinen. Mit meinen PC-Kenntnissen reicht's höchstens zur Sekretärin.
Ich: Nein, nicht alle. C, C++, Cobol. Diverse Skriptsprachen, aber wieder zu viele, um sie aufzuzählen. Außerdem habe ich sehr gute Unix Kenntnisse.
Bundesagentin für Arbeit: Was JUNIK? Was ist denn JUNIK?
Doch, sicher. Das ist Absicht. Ich muss aber trotzdem ziemlich lachen. Das macht sie natürlich wieder sauer. Es wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis ich ihr Lieblings-Arbeitsloser bin.

Ich: Ich buchstabiere: U-N-I-X. Das ist ein Betriebssystem.
Bundesagentin für Arbeit: Wenn Sie bei uns geführt werden wollen, dann müssen Sie mir schon diese Fragen beantworten.
Wo willst Du mich denn hinführen?
Ich: Ja schon klar. Ich denke aber, ich kümmere mich besser selber um einen Job. Sie brauchen mich nicht zu vermitteln.

Dann wollte ich noch wissen, wann ich wohl mit meinem Arbeitslosengeld rechnen kann. Dazu konnte die mir aber keine Auskunft geben. Wahrscheinlich hatte sie auch gar keine Lust mehr.
________________________________________
An den Leser:
Das ganze ist tatsächlich so gewesen, wies da steht. Ich habe keine Konversation dazugedichtet oder weggelassen.
Falls Du Herr Gerster oder Herr Schröder heißt, dann ruf mich mal an. Ich weiß jetzt, wo das viele Geld hin ist.


rofl


Zitat (Krötilla @ 20.04.2007 09:49:26)
Hier ist eine Story, die mal als Email rumging. Ist auch länger, aber hat eine zynische Komik, über die ich mit totlachen kann. (Ist schon etwas älter).

@ Krötilla,

auch nicht schlecht diese Begebenheit :lol:
Bei so einem Beratungsgespräch war ich auch mal unbefugter Weise dabei, war allerdings eine Gruppenberatung (ist auch schon eine ganze Weile her). Und ich habe mich selbst als Begleiterin einer Jugendlichen mit reingeschmuggelt :ph34r: (falls da was Wichtiges gesagt werden sollte, damit ich ihr das hinterher erklären kann). Und weil das ja eine Gruppenberatung war, fiel meine Anwesenheit nicht weiter auf. :pfeifen:

Willkommen in Absurdistan, dachte ich da teilweise :blink:

@ Madraselva & Krötilla...

wenns nicht so ernst wäre für den jeweiligen Betroffenen, dann wärs einfach bloß zum rofl rofl rofl :wacko: -_- ;)


Netter Fred. Wenn´s nicht maßlos traurig wäre, könnte man meinen, sich vor Lachen ausschütten zu müssen.

Aber Agent 007 mit der Lizenz zum Vermitteln war schon in meiner Jugendzeit manchmal etwas eingeschränkt. Nach der Lehre war ich kurze Zeit ohne Job. Die damals noch "Arbeitsamt" genannte Behörde brauchte im Kasseler Arbeitamt (13 Stockwerke) FÜNF Monate, um meine Akte zu finden und meinen Antrag zu bearbeiten. Erst als ich fast die Tür des Direktors eingetreten habe (ich war damals etwas hitzköpfig), klappte das. Auf Geheiß des Direktors, nach persönlichem Gespräch (in dem ich ihm vor Zeugen Prügel angedroht hatte), kaum dann plötzlich auch meine Akte zum Vorschein.

Die nächste Situation:

Ich bin nach Duisburg gezogen, im schönen, heißen August 2003. Natürlich ohne Job, also meldete ich mich arbeitslos. Das ging dann auch ganze drei Monate gut, ich bekam mein Geld, Termine, und man glaubt es kaum, auch ein paar wenige Vermittlungsvorschläge. Leider alle negativ. In der Zwischenzeit rief mich mein alter Chef aus Kassel immer wieder an und fragte, ob ich denn nicht doch wieder nach Kassel ziehen wolle. Ich könnte sofort wieder bei ihm fahren. Gut. da ich sowieso die Nase vom Kohlenpott voll hatte, fragte ich dann auf dem Arbeitsamt nach, ob ich denn eine Umzugsbeihilfe bekommen könnte, wenn ich den feste Arbeit in Aussicht hätte. Die Betonung lag auf "hätte".... Frau XY fragte mich dann nach der Firma, ich gab ihr ehrlicherweise Auskunft. Was tat nun die Frau XY? Sie trug in meine Computerakte ein: ...... ist ab 1. des Folgemonats in Arbeit. Ich wusste natürlich nicht, WAS sie da eingetragen hatte.

Frohgemut ging ich also nach Hause. Da es Monatsanfang war, machte ich mir also keine großartigen Gedanken. Der Amtsschimmel ist ja bekanntlich der Schnellsten einer nicht. Also bekam ich erst zum Monatsende, genauer gesagt, Ultimo, einen Einstellungsbescheid. Und ich wartete sehnsüchtig auf mein Geld, da meine Ersparnisse restlos aufgebraucht waren. Mit dem Bescheid fuhr ich also auf das Amt, wartete, wie viele dort, stundenlang. Wurde dann am ersten Tag weggeschickt, da ja die Beamten eine geregelte Arbeitszeit haben. Wurde am nächsten Tag wieder weggeschickt, da ja die Beamten geregelte Arbeitszeiten haben. ..........

Nach vier Tagen endlich bekam ich einen solchen "Sachbearbeiter" zu sprechen. Ich war inzwischen natürlich nicht mehr so freundlich gesinnt, denn schlaflose Nächte, aufgebrauchte Bier - und Zigarettenvorräte machen einen Menschen nicht gerade gutgelaunt. Ganz zu schweigen vom leeren . Also, wie gesagt, wurde ich dann in so ein Zimmer hereingebeten. Ich trug also mein Ansinnen vor. Der Sachbearbeiter las meine Akte auf dem Bildschirm und sagte, da müsse wohl ein Fehler unterlaufen sein. Wem, das erklärte mir der feine Herr natürlich nicht. Ich wusste es ja auch so. Er bat mich, mich zu beruhigen, er würde alles in meinem Sinne erledigen und mein Geld würde nachgezahlt werden. Ich fragte ihn auch, wann ich denn mit einer Zahlung rechnen könnte, denn ich war nun mit der Miete überfällig. "Nur ein paar Tage", so wurde ich vertröstet. Ich erzählte meinem Vermieter die Situation, der bemühte sich selbst auf das Arbeitsamt, um meinem Ansinnen ein wenig Druck zu verleihen. Scheinbar war das ein Fehler, denn nun wurde die ganze Sache erst recht in die Länge gezogen. Es dauerte DREI Monate, bis ich endlich schriftliche Nachricht erhielt. Da hatte ich allerdings schon die Wohnungskündigung. Man "bedauerte, mir mitteilen zu müssen, dass mein Widerspruch ablehnend bescheinigt" werden müsse, "da ich seit ....... Arbeitseinkommen erzielen würde". Kompletter Blödsinn, ich also (alles mit geborgtem Geld von Freundin) zum Verwaltungsgericht. Außerdem hatte ich die Nase nun endgültig voll. Rief meinen alten Chef an. Der schickte mir postalisch 500 Euro, ich sollte mich ins setzen und zu ihm fahren. Gesagt, getan. Als ich bei ihm ankam, schickte er mich sofort zu einer Adresse, wo ich auch zum nächsten Tag ein Zimmer mieten konnte. Zwei Tage später habe ich wieder ganz normal gearbeitet. In der Zeit habe ich nach einer Wohnung gesucht und auch eine gefunden. Als ich dann nach einer Woche in Duisburg ankam, war meine alte Wohnung verschlossen, das Schloss ausgetauscht und mein Mobiliar WEG. Ich hatte also nur noch das, was ich auf dem Leib trug. Auch bekam ich NICHTS wieder, der Vermieter behauptete, er hätte alles Verwertbare verkauft, um meine Mietschulden zu tilgen, den Rest hätte er entsorgt............

Wie es weiterging, ist die nächste Geschichte.


Gruß

Abraxas


Guten Abend!

Passt zwar nicht ganz zu 100% in das Thema, aber ich mache mir jetzt hier mal einfach wieder mal Luft. :wallbash:
Ich betreue einen jungen Mann, ich nenne ihn mal T., der am 10.04. einen Antrag auf ALG gestellt hat.
Der Antrag konnte bisher leider noch nicht bearbeitet werden, weil noch eine ganze Menge Nachweise und Unterlagen fehlte. Zum Teil gar nicht T.s Schuld.
T. wohnt nämlich wieder bei seiner Mutter (weil er ja bisher kein Geld bekommt), und somit ist die Mutter "Haushaltsvorstand". Und leider-leider-leider mussten wir auch einen Haufen Unterlagen für die Mutter zusammentragen (die Mutter bekommt nämlich auch kein Geld, bis auf eine mickrige Witwenrente. Wovon Mutter T. die letzten Jahre über gelebt hat, weiß ich auch nicht so recht :blink: Entweder sie hat sich bisher einen feuchten Schmutz gekümmert, oder sie war nicht in der Lage sich zu kümmern, oder weiß der Geier was... :unsure: soll aber auch nicht in erster Linie meine Sorge sein, weil ich ja eigentlich für T. zuständig bin).
Aaalso... vergangenen Freitag hatte T. wieder einen Termin bei der ARGE, und nachdem wir wirklich tagelang aus ganz Deutschland Nachweise und Unterlagen angefordert und gesammelt haben, war dann fast alles komplett.
Fehlten noch zwei Nachweise von T., einer davon der Kindergeldbescheid (oder der Ablehnungsbescheid fürs KG). Antrag konnte also wieder nicht bearbeitet werden, neuen Termin für kommenden Freitag bekommen.

Der eine noch fehlende Nachweis ist inzwischen eingetrudelt. Mein Kollege telefonierte dann heute mit der Familienkasse. Auskunft dort: Es dauert 6 Wochen, bis ein KG-Bescheid kommt.
Daraufhin versuchte ich, T.s Berater bei der ARGE anzurufen, von wegen: KG-Bescheid momentan nicht aufzutreiben, sollen wir Termin am kommenden Freitag trotzdem wahrnehmen? Oder wieder verschieben? Und was tun? Wovon soll T. in der Zwischenzeit eigentlich leben und so?

Kam natürlich telefonisch nicht durch. Bandansage: "Leider rufen Sie außerhalb unserer Öffnungszeiten an." - Dass die Öffnungszeiten bei T.s Berater bisher immer vormittags waren, tut fast nichts zur Sache. Heute waren die Öffnungszeiten auf jeden Fall nachmittags.
Kurz vor 13.30 Uhr (=Beginn der neuen Öffnungszeiten) versuche ich wieder, T.s Berater zu erreichen. Besetzt.
Eine geschlagene halbe Stunde habe ich per Wiederwahl versucht, da durchzukommen :labern: War dauerbesetzt. Ist ja nicht so, dass ich nicht auch noch andere Sachen zu arbeiten hätte. Aber naja.
Aber nach gut 30 Minuten klappte es. Ich landete bei einer Kollegin von T.s Berater und schilderte ihr das Problem.
Gut, ich muss zugeben, ich habe auch ein ganz klitzekleines Bisschen gedrängelt, von wegen: Der Antrag ist vom 10.04., und heute ist der 08.05., und der Antrag muss doch endlich mal bearbeitet werden, das darf doch jetzt nicht noch mal 6 Wochen dauern, bis dahin ist der arme T. nämlich verhungert und so...

Auf jeden Fall ist die Kollegin von T.s Berater bei der ARGE eine kluge, verständige Frau. Sie sah auch ein, dass da jetzt wirklich mal schnell was passieren müsse.
Ich solle doch bei der Familienkasse anrufen und darum bitten, dass die uns eine Bestätigung faxen, mit dem Inhalt, dass der KG-Bescheid erst in 6 Wochen kommen wird.
Gute Idee eigentlich :D

Also rufe ich bei der Familienkasse an.
Und hier jetzt folgt das absurde Telefonat:
Ich:
Guten Tag, hier ist die Frau Madreselva aus X-Stadt von der Y-Einrichtung. Ich betreue den T.

Frau F(amilienkasse):
Oh, da darf ich Ihnen aber aus Datenschutzgründen nur ganz allgemeine Auskünfte geben.

Ich:
Selbstverständlich. Es geht um Folgendes: Mein Kollege hat heute morgen mit einem Ihrer Kollegen telefoniert. T. braucht nämlich einen KG-Bescheid, damit sein ALG-Antrag bearbeitet werden kann, den T. am 10.04. gestellt hat. Und da erhielt mein Kollege bei Ihnen die Auskunft, dass der KG-Bescheid erst in 6 Wochen zugeschickt werden kann. Jetzt bat T.s Sachbearbeiterin von der ARGE hier bei uns in X-Stadt, dass die Familienkasse bitte eine Bestätigung faxt, in der bestätigt wird, dass der KG-Bescheid erst in 6 Wochen kommt. Mit dieser Bestätigung kann dann nämlich der ALG-Antrag bearbeitet werden.

Frau F:
Jaaaaaaaa, das kann ich Ihnen aber aus Datenschutzgründen nicht schicken, dass geht dann höchstens an Mutter T.

Ich:
Können Sie nicht vielleicht eine Kopie hier an die Y-Einrichtung faxen? Mutter T. spricht kein einziges Wort Deutsch, und da werden ständig irgendwelche Unterlagen verbummelt.

Frau F:
Nein, das unterliegt dem Datenschutz, das muss direkt an Mutter T. gehen.

Ich:
Ich brauche doch lediglich eine allgemeine Auskunft über die Tatsache, dass es bei der Familienkasse 6 Wochen dauert, bis ein Bescheid kommt. Ich brauche doch keine Details über T. :heul: Bitte! Das wäre so nett von Ihnen

Frau F:
Solche allgemeinen Auskünfte darf ich überhaupt nicht ausstellen. Dazu bin ich nicht berechtigt. Ich kann das sowieso nur an T.s Sachbearbeiter bei der Familienkasse weiterleiten. Ich sitze ja hier im Service-Zentrum.
Und spezielle Auskünfte, wie Sie eine wünschen, gehen dann aus Datenschutzgründen direkt an Mutter T.

Ich:
Können Sie es vielleicht an die ARGE hier in X-Stadt faxen?

Frau F:
Nein, dazu bin ich aus Datenschutzgründen nicht berechtigt.

Ich:
Aber für die ARGE ist es doch überhaupt in erster Linie.

Frau F:
Das kann ich nicht machen. Dazu bin ich nicht berechtigt.

Ich:
Können Sie mich dann bitte vielleicht mit T.s Sachbearbeiter bei der Familienkasse verbinden? Oder mir dessen Durchwahl geben? Vielleicht, wenn ich dem den Fall erkläre?

Frau F:
Die zuständigen Sachbearbeiter sind telefonisch überhaupt nicht mehr zu erreichen. Dafür gibt es ja dieses Service-Zentrum hier.

Ich:
Also gut, dann schicken Sie das bitte an Mutter T.
Wann wäre die Bestätigung denn dann da?

Frau F:
Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Ich:
Also T. hat seinen Termin am Freitag um 8.30 Uhr. So früh kommt keine Post. Also muss das spätestens am Donnerstag da sein.

Frau F:
Das kann ich Ihnen gleich sagen, dass das nicht so schnell geht. Die zuständigen Sachbearbeiter haben jeweils eine Woche Zeit, um auf solche Anfragen zu reagieren.

Ich:
Aber T. braucht doch nur einen Nachweis darüber, dass das Ganze etwas länger dauert. Können Sie nicht vielleicht?

Frau F:
Nein, dazu bin ich nicht berechtigt.

Ich:
Was soll T. also Ihrer Meinung nach tun?
Sein Antrag liegt sein 10.04. rum und kann nicht bearbeitet werden.

Frau F:
Keine Ahnung, dafür bin ich nicht zuständig.

Ich:
Soll ich T. vielleicht zum Klauen schicken?

Frau F:
Jetzt kommen Sie mir nicht so!

:wallbash: :wallbash:


Den Rest des Gespräches erspare ich Euch. :ph34r:

Hinterher habe ich tief durchgeatmet und nochmal bei der ARGE angerufen.
Landete wieder bei der Kollegin von T.s Sachbearbeiter.
Schilderte ihr mein Telefonat mit der Familienkasse.

Wie gesagt: Eine kluge, verständnisvolle Frau.
Ich darf, quasi von Hand und formlos, eine Bestätigung ausstellen, dass die Familienkasse 6 Wochen braucht um den KG-Antrag zu bearbeiten; und dass die Familienkasse mindestens eine Woche braucht, um schriftlich zu bestätigen, dass sie 6 Wochen Bearbeitungszeit haben.
Das soll T. dann unterschreiben, am Freitag zum Termin in die ARGE mitbringen und... hoffentlich-hoffentlich-hoffentlich... kann dann endlich sein ALG-Antrag vom 10.04. bearbeitet werden.

Na also, geht doch

Kinder, Kinder... manchmal denke ich, ich bin im falschen Film :wacko:


............und in Speyer ist vor kurzem ein junger hilfsloser Mann verhungert - er kannte sich nicht aus in seinen Rechten und man hatte ihm die Leistungen gestrichen, da er offensichtlich mit dem Amtsschimmel in Deutschland überfordert war. Seine Mutter kam unterernährt in eine Klinik. NIEMAND ist Schuld daran lt. Behörde.

Armes Deutschland, was tust Du da. :heul: :heul: :heul:


DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR.


Eigentlich ja todtraurig - aber ich muss gestehen, dass ich herzhaft gelacht habe.

Besonders die Story mit dem ITler, ich konnte mir das richtig bildlich vorstellen. Als Akademix kannste das sowieso knicken; obwohl es ja in großen Städten eigene Abteilungen namens "akademischer Vermittlungsdienst" gibt - der Witz des Jahrhunderts.

Bin mal gespannt, welche netten Stories noch kommen. Eigentlich müsste es für sowas doch mindestens ein eigenes Forum geben.
Ehrlich gesagt, weiß ich aber auch nicht, wer einem mehr leid tun sollte - die völlig überforderten Sachbearbeiter bei der AA, denen offensichtlich der moderne Arbeitsmarkt ein Buch mit 7 Siegeln ist oder die armen Antragsteller, die sich auch noch bemühen AA-konform aufzutreten.

Da bekommt der Slogan "WIR SIND DEUTSCHLAND" eine völlig neue Bedeutung.


Zitat (nanamanan @ 08.05.2007 20:56:30)


Armes Deutschland, was tust Du da.  :heul:  :heul:  :heul:


DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR

So krass wollte ich das nicht ausdrücken.
Von dem Fall in Speyer hatte ich auch gelesen. Wundert mich, ehrlich gesagt, auch nicht.
Das Ganze hat m.E. System. Wer geistig nicht in der Lage ist, diesen Papierkram zu bewältigen - Pech. Meist gibt es ja irgendwo doch noch irgendwelche dummen Zwischeninstanzen, die dann durch Zufall auf solche Missstände aufmerksam werden, und sich kümmern (so wie in der Einrichtung, in der ich arbeite, z.B.) Oder irgendwelche mitleidigen Mitmenschen oder Freunde oder Nachbarn, die privat dabei behilflich sind. Man kann ja die Menschen nicht einfach dem Papierkrieg und sich selbst überlassen, das widerstrebt einem ja... Also ich kann es zumindest nicht. Auch wenn mir klar ist, dass ich dabei meine Kompetenzen überschreite, dass ich damit einen Bedarf verschleiere, dass ich damit einen Job mache, den eigentlich und ursächlich die ARGE machen sollte :wallbash:
Hat aber wohl wirklich System, unterstelle ich hier einfach mal. Wer geistig nicht in der Lage ist, seinen Antrag zu stellen, bei dem wird der Antrag eben nicht bearbeitet, und das spart der Agentur natürlich Geld. Ist ganz bestimmt politisch so gewollt. Sonst wären die Angestellten bei der ARGE doch wohl gehalten, den Antragstellern beim Ausfüllen (usw.) irgendwie behilflich zu sein. Aber das sollen die Leute bei der ARGE ja wohl explizit nicht tun... Dann müsste die ARGE auch mehr Sachbearbeiter einstellen, um die Antragsteller adäquat zu betreuen. Aber im Gegenteil, die ARGE kürzt Stellen (habe ich heute morgen erfahren).
Nachdem ich heute morgen nämlich den Sachbearbeiter nicht erreicht hatte, war ich zwischenzeitlich wieder mal bei einem Servicezentrum gelandet... ;) und habe mich mit der Frau dort längers übers Telefon unterhalten...
Unvollständige Anträge sparen der ARGE aber nicht nur Geld... sondern Menschen, die mit ihrem Antrag nicht weiterkommen und dann irgendwann aufgeben- die tauchen natürlich auch nicht mehr in der Statistik auf. Und so sieht unsere Arbeitslosenstatistik natürlich auch gleich wieder besser aus...
Wenn die dann natürlich gleich verhungern, dann sieht es in der Presse wiederum gar nicht mehr so gut aus... Entschuldigt bitte meinen Sarkasmus.

Tja, was soll ich sagen: Ich glaube, dieses Problem lässt sich wirklich nur politisch lösen. Und solange wir uns das hier zum größten Teil gefallen lassen, wird sich wohl nicht viel ändern :blink: :wacko: :unsure:

Ach ja, Edit:
Wer sich darüber wundert, dass ich die Stellenkürzungen bei der ARGE kritisch beäuge: Die ARGE übernimmt heutzutage Aufgaben, die früher eben das Sozialamt übernommen hat. Aber das "Sozialamt" gibt es ja seit 01.01.2004 in dieser Form nicht mehr, das wurde ja damals alles an die Agentur ausgelagert.

Wenn man früher unvorhergesehen in eine finanzielle Notlage geriet, dann konnte man wirklich direkt zum Sozialamt gehen, und dort erhielt man ziemlich schnell erst mal etwas zur Überbrückung... damit man nicht verhungert.
DAS gibt es so in dieser Form eben nicht mehr in unserem Sozialstaat...

Bearbeitet von madreselva am 08.05.2007 22:32:17

Man bin ich froh, dass ich damals Dez 2003 bis August 2004 nich solche Probleme hatte.
Bin von Jork nach Berlin umgezogen (hab mich aber bei meinen Grosseltern in Sachsen angemeldet, weil ich dem Freund, zu dem ich gezogen bin, keine Probleme machen wollte) Bin zum "oertlichen" Arbeitsamt, hab alles abgegeben, hatte n Gespraech mit ner sehr resoluten und engagierten Dame der ich erklaerte, dass ich oft in Berlin bin, Jobsuche etc. Sie meinte, dass isn bissl unguenstig aber wenn ich es einrichten kann, an Terminen da zu sein und wann immer man mich sprechen wolle, dann waer das ok. Super. :) Sie hatte dann irgendwann n Job fuer mich irgendwo in Sachsen (wo ich gar nich hinwollte) Hab mich schein-beworben... -_- Keine Probleme... Sie wollte uebrigens von mir, dass ich son Wisch ausfuelle, wo ich mich ueberall beworben habe etc. Den hat sie sogar gelesen etc.

Hab auch immer mein Geld puentklich bekommen. Als ich dann ne Wohnung in Berlin gefunden habe, hab ich mich da abgemeldet, bin in Wedding zum Arbeitsamt. Hab zwar ewig warten muessen aber das hat dann alles schick geklappt. Wieder puenktlich und ohne Probleme mein Geld (sogar mehr) bekommen und ja.

3 Jobangebote, von denen eine Firma schon gar nich mehr existierte (manman)..hab da angerufen..aber gab nix. Hatte das so mitgeteilt...aha. Den oben erwaehnten Wisch hab ich auch in Berlin ausgefuellt...den hat niemand angeguggt...

Als ich dann meine Ausbildung anfing bin ich wieder hin, hab das so gesagt..alle waren gluecklich. Ende. :)

Diese Agentur is echt nur zum :wallbash:

Oh erinnere mich gerade an ne Begebenheit in Buxtehude (Jork) aufm Amt..wollte mich glaub ich Arbeits/Ausbildungssuchend oder so melden. Bin in meiner Pause hin..musste was ausfuellen und warten. Als die Dame dann antrabte und jemand vor mir dann "bedient" werden wollte, maulte sie ihn dann, sie haette jetz Feierabend (ich hatte Pause, also so gegen 11:45)..sie haette also eh noch ne Viertelstunde arbeiten muessen und hat ihn dann wiederwillig in ihre Folterkammer gefuehrt.. Ich bin dann gegangen..Mir hats gereicht.

<_<


So weit sind wir mittlerweile in Deutschland - die Dame am Telefon hat sich vielleicht sogar korrekt verhalten. Das System ist schrott. Würde mich nicht wundern, wenn in absehbarer Zeit nur noch ein Computer am anderen Ende ist.

Leute,Leute dieser Spar - Wahn.

Wenn die sparen wollen, sollen Sie doch die Ämter miteinander vernetzen, alles viel einfacher - weis schon Datenschutz. Auf der anderen Seite wird festgehalten, wann, wo ich welche Seiten im Internet besucht habe und E-mails geschrieben habe.
Alles Quatsch


Das lustigeste ist aber noch, dass wenn du sagst du bist Person xy und Geburtsdatum sagst dann bekommst alles gesagt. Habe ich oft für meine Stiefmutter gemacht weil sie kaum deutsch kann.


Zitat (Sparfuchs @ 09.05.2007 14:01:21)
So weit sind wir mittlerweile in Deutschland - die Dame am Telefon hat sich vielleicht sogar korrekt verhalten. Das System ist schrott. Würde mich nicht wundern, wenn in absehbarer Zeit nur noch ein Computer am anderen Ende ist.

Leute,Leute dieser Spar - Wahn.

Wenn die sparen wollen, sollen Sie doch die Ämter miteinander vernetzen, alles viel einfacher - weis schon Datenschutz. Auf der anderen Seite wird festgehalten, wann, wo ich welche Seiten im Internet besucht habe und E-mails geschrieben habe.
Alles Quatsch

Sparfuchs. Das gibts schon als Theaterstück:
http://www.bremertheater.com/wwwdispatcher...d=x&eventId=819

Super Stück. Sollte man sämtliche Bedienstete der AA zwangsweise reinschicken.

Lehre mich die AA kennen!
Mein Bruder ist taubstumm und mußte nach einer betriebsbedingten Kündigung zur AA.
Alleine ist nich, da dort keiner die Gebährdensprache kann. Ich also mit!
In jedem Büro habe ich darauf hingewiesen dass er taubstumm ist und nicht einfach aufgerufen werden kann, sondern persönlich angesprochen werden muss. Jeder bestätigte mir: es steht groß im PC!!! der Sachbearbeiter für Schwerbehinderte konnte sich ganz gut mit ihm verständigen. Zu seinem 2. Gang zur AA wollte ich ihn allein gehen lassen, ging dann aber doch mit. Zum Glück! Kein Mensch hat auf den Eintrag im PC geachtet. Die Tür ging auf und nach einem kurzen Ruf: Herr R... war sie wieder zu. Mein Bruder achtete nicht darauf, denn er hatte es ja nicht gehört!!
Ich schätze mal mein Bruder hätte eine bitterböse Nachricht bekommen, warum er nicht zum Termin erschienen sei.
------
Mein Sohn hat seinen ZIVI beendet, mußte sich für 4 Monate arbeitslos melden (Wegen Kindergeld). Er hat aber gleichzeitig eine Kopie seines Lehrvertrages abgegeben, der im Sept. beginnt.
Heute bekam er Post. Er hat einen Termin bei der AA und soll einen Bewerbungskurs absolvieren :wallbash: und sein Arbeitsvermittler möchte mit ihm Jobs durchgehen rofl .

stöbermaus



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