Eine noch - bevor es in die Arbeitswoche geht (IMG:
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Es war einmal....
ein Pottwal, der sein Zuhause so tief unter dem Meer hatte, dass er nur sehr selten Besuch bekam. Das fand er eigentlich sehr schade, denn obwohl er brummig und mürrisch aussah mochte er Gesellschaft.
Doch nur die alte, schweigsame Schildkröte besuchte ihn. Sie war ihm als Gast sehr willkommen, denn sie war eine von den angenehmen Besuchen, mit denen man auch mal 20 Minuten schweigen konnte. Es verging stets einige Zeit, bis sie auf eine Bemerkung von ihm reagierte, noch länger, bis sie eine Frage beantwortete und sie redete auch sehr langsam, aber das war dem Pottwal egal.
„Du bist die einzige, die mich regelmäßig besucht“, sagte der Pottwal eines Tages zu ihr.
Die Schildkröte wiegte langsam ihren faltenreichen Kopf und überlegte sich, was sie darauf antworten wollte. „Ich besuche dich gern, denn du bist der einzige, der nicht einschläft, wenn er sich mit mir unterhält“, sagte sie schließlich und unendlich langsam.
Der Wal erschrak und riss rasch seine halb zugefallenen Augen auf. Gut, das er nicht auch noch gähnen musste. Das mit dem Einschlafen war so eine Sache, aber die Schildkröte brauchte oft so lange, bis sie etwas sagte, dass es nicht so verwunderlich war, dass ihre anderen Zuhörer dann in der Zwischenzeit einschliefen.
„Dabei nehme ich es niemandem übel, wenn er in meiner Gegenwart einschläft. Schlafen ist schließlich gesund und wichtig“, fuhr sie fort und blickte sinnierend auf eine Wasserpflanze, die sich in der sanften Strömung bewegte.
„Schildkröte, hast du denn eine Idee, wie ich mehr Besuch bekommen könnte?“
Diesmal brauchte sie noch länger als sonst mit ihrer Antwort. „Wal, du musst einfach interessanter werden. Auf deinen Reisen hast du doch sicher viele Abenteuer erlebt, die spannende Geschichten abgeben. Ich bin sicher, dass viele gern zuhören würden, wenn du erzählst. Und dann solltest du die Umgebung hier hübscher gestalten. Hier sieht es grausig aus“
Überrascht von dem Wortschwall – denn normalerweise sagte sie nie so viele Sätze an einem Stück – sah er sie an. „Hm, da könntest du schon Recht haben. Und Abenteuer, die sich zu erzählen lohnen, habe ich wirklich schon viele erlebt. Allein diese Sache mit dem Kraken, der dachte, dass er neun Arme hätte. Oder der Fischer, dessen Boot ich leck geschlagen habe, weil er eine Harpune an Bord hatte. Schön war auch der Wettbewerb mit dem Hammerhai im Tieftauchen. Den hatte ich natürlich gewonnen“
„Siehst du, das klingt doch alles interessant“, sagte die Schildkröte.
Der Pottwal fühlte sich geschmeichelt. „Das ist nett von dir, das zu sagen.“
„Du solltest hier auch unbedingt mal gründlich aufräumen. Überall diese großen hässlichen Steine, noch dazu sind sie voller Algen. Hier würde sich auch kein Besuch wohl fühlen.“
„Jetzt, wo du es erwähnst...“ Der Pottwal sah zu besagten Steinen, die ihn eigentlich nie sonderlich gestört hatten. In seinen Augen waren sie ohnehin recht klein, aber für eine Schildkröte stellten sie hässliche große Klötze dar, die wirklich nicht besonders einladend wirkten.
Die Schildkröte war nun voll in Fahrt. „Und diese Schlingpflanzen da müssen unbedingt weg, die sind ja lebensgefährlich. Jedes Mal wickelt sich eine um meinen Panzer.“
„Die haben mich noch nie gestört“, brummelte der Wal, sah aber ein, dass ein kleineres Tier leicht in ihnen hängen bleiben konnte.
„Lass uns einige Muscheln holen, die groß genug sind, dass man in ihnen bequem sitzen kann“, schlug die Schildkröte vor.
Der Wal war einverstanden und sofort machten sie sich ans Werk. Einige Tage später war sein Zuhause von Schlingpflanzen befreit. Die Steine hatte der Wal fort geschafft und dafür große geöffnete Muscheln geholt, die die Schildkröte ausfindig gemacht hatte. Nachdem die beiden Freunde alles schön drapiert hatten, schwammen sie langsam in der Gegend herum und luden jeden ein, den sie trafen und baten darum, weiter zu erzählen, dass der Pottwal in seinem Zuhause Erlebnisse aus seinem abenteuerlichen Leben zum besten gab. Diese Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer und bald hatten sich Delfine, Hummer, Rochen und sogar ein Pärchen Buckelwale bei ihm versammelt.
Mit ihrer Idee behielt die Schildkröte Recht, denn sobald der Pottwal zu erzählen anfing, waren die Besucher gefesselt davon und fortan kam jeder gern bei ihm vorbei, um an diesem gemütlichen
Plätzchen spannenden Geschichten zu lauschen.
Bleibt nur noch zu sagen, dass der Pottwal jetzt noch mehr die ruhigen Abende mit der alten Schildkröte genoss. Denn die hatte wie üblich nichts dagegen, das man sich einfach mal nur anschwieg. Und wenn es nur für 20 Minuten ist. ;)