Kreatives Schreiben - Teil 1: ... ein Zug, der im Regen steht ...


Kreatives Schreiben

Hallo zusammen.
Da ich viele kreative Köpfe hier gesehen habe, möchte ich Alle motivieren, etwas zu schreiben.
Jede/er ist aufgerufen.

Nein, kein Hintergedanke! :)

Ziel soll es sein, sich spontan etwas zu einem vorgegebenen Thema einfallen zu lassen und etwa eine Viertelstunde darüber zu schreiben und es hier zu veröffentlichen (oder alternativ per PM).
Man/Frau kann es auch erst auf einen Zettel, in ein Heft, auf einen Block oder offline schreiben.

Ungefähr eine Viertelstunde.

Aber bitte nicht nur ein, zwei Sätze oder gar nur eine superkurze Antwort von einem oder ein paar Wörtern!

Es muss nicht super akademisch sein. :)

Versucht es einfach mal!
Lasst Eurer Phantasie freien LAuf!
Jede/er kann es.

Regeln:
1.) Thema lesen und dann "schreiben".
2.) Die Zeit ist ungefähr eine Viertelstunde.
3.) Alles wird akzeptiert.
4.) Wem das Thema zu persönlich ist, muss nichts schreiben. :)
5.) Die Kritik muss sachlich bleiben.
5.) Es gibt keine Veröffentlichung außerhalb von Frag-Mutti.

Ich gebe mal ein Thema vor. Weitere werden folgen.

Was gibt es Traurigeres als ein Zug im Regen, der nicht fährt?

Dann mal los!

Nun sitze ich hier. Im ICE 285 von Hamburg nach München. Ein Hochgeschwindigkeitszug. Maximale Kilometerleistung pro Stunde: 300 km. Allerdings liegt die Leistung derzeit auf 0 Kilometer pro Stunden. Schon vieler Stunden. Wir stehen ...irgendwo....im Regen. Festgefahren. Ich wende meinen Blick durch die regenbesprühten Scheiben nach draussen. Ödland, irgendwo im Wendland. Die Felder abgeerntet, harren auch sie dem Winterschlaf entgegen. Grau in Grau. Die Natur, oben wie unten. Meine tristen Gedanken drehen sich im Kreis. Ein Lauf, wie der Kreislauf der Natur. Warum steht der Zug, wann gehts denn endlich weiter, wird es je wieder Frühling, werde ich zu spät kommen, wird man mich noch erwarten - wird es je weitergehen. Mit dem Zug, mit meinem Leben.

Ich hätte es schlechter treffen können. Ich könnte, anstatt hier und jetzt, in einem stehenden Zug, im Regen, im Niemandsland zu sein, auch in einem abstürzenden Flugzeug mich befinden. Im Nichts. Für ewig. Chancenlos.


Wer Kinderwagen ohne Kind
durch die Gegend schiebt
der spinnt

Ein Rollschuh der nicht rollt
der Mensch gar übel grollt

Ein Schlittschuh der nicht schlittert,
der Mensch gar bös verbittert

Ein Fahrrad was nicht radelt
wird vom Besitzer arg getadelt

Ein Fußgänger ohne gang
kommt nicht an

Ein Roller der nicht Rollt,
der Besitzer ganz bös schmollt

Ein was nicht fährt,
ist eh nix wert (geklaut)

Ein Zug der im Regen steht,
is wohl klar das garnichts geht

Ein Aeroplan was nicht schwebt,
zielstrebig richtung Erde strebt

Und das jetzt alle noch bei Eis...
soo'n Sch...

Viertelstunde ist rum.


Mitternacht - der Zug steht immer noch. Auf seiner Fahrt durch die Nacht in den Süden steht er auf diesem einsamen Bahnhof und wartet, wartet - worauf? Ich sehe aus dem Abteilfenster - Regen malt sich schmale Bahnen in den Schmutz der Scheibe - wie Tränen in einem Kindergesicht. Traurige Gedanken machen sich breit. Ein kleines Kind erscheint vor meinen Augen, das ängstlich und fragend zu einem Erwachsenen aufblickt. Bitte sag mir: "warum ? Warum tust du mir weh? Ich werd es auch nicht weitersagen." NEIN!
- das will ich nicht! Keine Erinnerungen mehr! Ich will nur die Sonne, das lebhafte Treiben, das Lachen, den Lärm der Menschenmassen erleben und vergessen - und vergessen - und verg.....!

(IMG:http://www.leben-begleiten.de/Bilder/Kind.jpg)

Es ist halb sechs am Abend und ich verfluche die Deutsche Bahn.
Ich sitze in einem zweite Klasse Großraumwagen und um mich
herum sitzen unruhige und gereizte Mitreisende. Der Zug steht irgendwo -
auf dem Land zwischen Bremen und Hamburg, draußen sieht man
nur braun-grüne Wiesen, matschige Feldwege, ein paar einsame
kahle Bäume.

Es regnet, nicht heftig und auch nicht tröpfelnd, so ein typischer
Novemberregen, durchdringend, anhaltend, kalt. In der Ferne sieht
man Nebelschwaden aufsteigen, die Dämmerung frisst die paar
Bauernhöfe auf, die man am Horizont sieht.

Die Fenster kann man nicht öffnen, weil dann sofort Mitreisende
anfangen sich zu beschweren, es sei zu kalt, jemand wird nass, es zieht!
Wir dürfen nicht aussteigen, müssen in dem langsam stickig werdenden
Abteil sitzen bleiben. Seit fast 3 Stunden stehen wir hier schon in der
Pampa herum…….. Zorn steigt in mir auf! Mein Buch habe ich ausgelesen,
der Herr neben mir schläft schon seit gut einer Stunde,
ich kann nicht aufstehen, weil ich ihn sonst wecken müsste.

In Hamburg wollte mich „kLeiner“ am Bahnhof abholen,
inzwischen wird er schon wieder weg sein, ab zum Muttitreffen.
Ich kann noch nicht einmal Bescheid sagen, dass ich viel später
komme, weil ich im Zug keinen Handyempfang habe.
Einige andere Reisende sind aus diesem Grunde schon
ziemlich verärgert.

Ich schaue mich um und denke mir Geschichten aus:

Der gut aussehende, dunkelhaarige Mittdreißiger drei Reihen
vor mir will sich mit seiner Geliebten treffen. Er ist nicht so angezogen,
als ob er zu einem Geschäftstreffen will, auch einen Aktenkoffer
hat er nicht dabei. Sie hat sich extra für den heutigen Nachmittag
mit schlechtem Gewissen ein Alibi von ihrer Freundin beschafft und
fiebert darauf, ihn nach 6 Wochen sehnsuchtsvoller Erwartung
endlich wieder zu sehen. Jetzt sitzt sie schon seit zwei Stunden in
dem kleinen Cafe direkt gegenüber dem Hauptbahnhof und
beobachtet deprimiert das Bahnhofsgebäude. Nach Hause
kann sie noch nicht, schließlich ist sie ja mit der Freundin
bummeln und dann noch etwas essen……………

Die grauhaarige, gut gekleidete, ältere Dame direkt vor mir?
Vielleicht sie auch eine „Mutti“, das Gesicht kommt mir nicht bekannt vor,
aber das heißt ja nichts. Ständig schaut sie auf die Uhr, versucht
zu telefonieren und packt bereits die 2. Tafel Schokolade aus
knisterndem Geschenkpapier aus, um sie dann, leise vor sich
hinschimpfend, zu essen. Vielleicht will sie auch ihre Tochter besuchen,
sie muss die Enkelkinder hüten, weil die Tochter zu einem
Eingriff ins Krankenhaus soll. Heute abend wollte man noch
einen netten Abend verbringen und die kommende Woche planen,
bevor morgen die Kinder ihren Tribut fordern und die Oma
vollends mit Beschlag belegen…………

Ich bin traurig, jetzt machen die anderen noch einen Bummel
durch Hamburg, wir wollten danach in einem gemütlichen Lokal
zu Abend essen. Ich habe mich so darauf gefreut, euch alle
kennen zu lernen und nun das!

Der Regen perlt an den Scheiben herab, mittlerweile ist es ganz dunkel………

Bearbeitet von anitram.sunny am 09.11.2005 23:03:13


Hey Ihr Muttis,

die Idee war doch ganz gut und es gab auch schon ein paar Freiwillige.
Jetzt fehlt uns entweder der Taufpate des Freds um uns zu sagen, wie es
weiter gehen soll oder ihr setzt euch mal hin, es ist doch jetzt ruhig in
den Wohnungen und Häusern und schreibt auch mal was.

Heute mal kein Muttimärchen, statt dessen eine Zug/Regengeschichte !
Ich würde mich freuen, lasst euch nicht so bitten! :pfeifen:

Bearbeitet von anitram.sunny am 09.11.2005 23:00:40


Synnnnnnnn, wie gehts jetzt weiter? Warum so schweigsam?


Ich liebe dieses Bähnchen. Diese alte Dampflokomotive, mit ihren nostalgischen Wagen, die sich heute morgen auf den Weg gemacht hat, um mit uns gemächlich durch die Gegend zu zuckeln.
"Blumen pflücken während der Fahrt verboten" steht in jedem Abteil, sowas kann man nur noch in den alten Schnauferln lesen. Schade, daß es ausgerechnet heute so regnet, dabei haben sich die Eisenbahnfreunde solche Mühe gemacht, ihr altes Schätzchen so zum Glänzen zu bringen.
Aber wir sitzen ja im Trocknen und haben alle einen Heidenspaß. Genug zum Essen und Trinken haben wir ja auch mitgenommen. Rums - schlagartig hört das Zuckeln auf. Draußen hört man die Schaffner rufen. Warum gehts denn nicht mehr weiter? Irgendwann kommt jemand ins Abteil, und erzählt, daß die Gleise von umgestürzten Bäumen blockiert seien. Das kann dauern.
Aber das ist ja auch kein Problem, wir haben heute unseren Jahresausflug, und ob der Zug nun fährt oder nicht, tut unserer guten Laune keinen Abbruch.


Büchi, ich wollte euch erstmal Zeit zum Schreiben geben.
Ab er das nächste Thema kommt bestimmt.

Wo sind eigentlich die vielen Anderen kreativen Köpfe?


Es regnet.
ich sitze im Zug und kuschle mich tiefer in den Sitz. Wenn es regnet ist ein Fensterplatz am Schönsten, ich sehe die Regetropfen die an der Scheibe herunterlaufen, höre das Prasseln auf dem Zugdach, es ist warm und ein bisschen feucht im Zug.
Wir stehen kurz vor Vaihingen/Enz und warten vermutlich darauf, dass ein schnellerer Zug vorbeirauscht und wir wieder unsere gemächliche Fahrt aufnehmen können.
Die Musik meines MP3-Player rieselt mir ins Ohr, ich hänge meinen Gedanken nach und träume von der Ankunft. Wenn ich Stuttgart erreiche muss ich zur S-Bahn Richtung Plochingen. Es ist egal ob wir noch länger im Regen stehen der nicht, S-Bahnen fahren immer, eine früher oder später ist nicht wichtig.
Ich sehe mich in Esslingen aus dem Zug steigen, suche Dich und hoffe dass Du mich schon auf dem Bahnsteig abholtst. Du bist allerdings jemand der nicht zu früh da ist, wahrscheinlich treffen wir uns dann oben ausserhalb des Bahnhofs. Ich freue mich darauf, kann es plötzlich nicht mehr erwarten bis ich bei Dir bin. Eine andere Welt, eine andere Zeit, jenseits von meinen Leben. Wo bin ich in einem Jahr ? Werde ich mich enscheiden können ? Werden wir es schaffen ? Gibt es ein "Wir"....

Der Zug steht noch immer. Und noch immer prasselt der Regen auf das Dach.


Regen, Regen schon seit Stunden prasselt er an die Fensterscheibe. In kleinen Sturzbächen fließt er die Scheibe hinab und ich starre ins Dunkle.
Irgendwie ist es unheimlich so allein ins Dunkle hinauszuschauen und nur die eigene Siluette ist zu sehen.
Wieder spüre ich diesen Blick auf mir. Die ältere Dame mir schräg gegenüber schaut mich schon wieder an. Das tut Sie schon seit dem wir stehengeblieben sind. Irgendwie wirkt Sie unheimlich, aber auch traurig. Ihr Blick hat etwas Melanchonisches. Ich drehe mich zu Ihr um, und lächle Sie an. Sie senkt den Blick und seufzt. Ich widme mich wieder meiner Zeitschrift und als ich das nächst mal hochblicke, hält die alte Frau ein Foto in den Händen und weint. Gerade als ich etwas zu Ihr sagen will, erklingt die Stimme des Schaffners, und der Zug fährt wieder an.


Ich stehe im Abteil am Fenster.Es läßt sich nicht mehr öffnen.Meine Hände pressen sich gegen die Scheibe, deine von außen dagegen.Meine Augen füllen sich mit Tränen, die mir hemmungslos über die Wangen rollen.Du weinst auch.Deine Tränen mischen sich mit den Regentropfen, auch der Himmel weint.Abschied, es tut so weh, wie ein Stückchen sterben.Warum fährt dieser Zug nicht endlich los.Es ist so traurig, werde ich dich jemals wiedersehen.Ich schließe die Augen und warte.Warte auf dich.


Was gibt es Traurigeres als ein Zug im Regen, der nicht fährt?

Trauriger als einen Zug im Regen der nicht fährt finde ich einen Bus im Regen der nicht fährt.
In einem Zug kann man ja vielleicht noch auf die Toilette gehen,
die Fenster öffnen,
eine rauchen,
etwas umher gehen.
Aber wenn man in einem Bus sitzt und wartet das die Fahrt weiter geht...
Man darf nicht aussteigen, weil der Bus im Regen auf der Autobahn im Stau steht.
Das ist so traurig weil :unsure: Ja :unsure: Warum ist das denn so traurig? Warum ist das trauriger als in einem Zug im Regen der nicht fährt?
Mich macht es traurig weil ich mich so einschränken muß.
Obwohl... :unsure: es macht mich eher sauer, wütend, hibbelig.
Die Zeit vergeht. Gleich sind schon zehn Minuten um.
Viel trauriger finde ich Beerdigungen. Hat zwar nichts mit einem Zug zu tun.
Doch, irgendwie auch. Mit dem Zug ins Nirgendwo.
Und dann noch Regen dabei.
Oh wie traurig sind Beerdigungen.
Fast so traurig finde ich wenn man frisch verliebt ist und dann macht der andere Schluß. Mann, das ist doch noch viel trauriger als ein Zug im Regen der nicht fährt.
Oh, ich seh grad meine Zeit ist um. Schade. Könnt noch mehr schreiben.
Und stop.

Hallo zusammen,

Ein dickes Lob an Alle, die sich beteiligen.
Die Beiträge waren sehr gut, sehr kreativ.
Sie haben mir sehr gefallen.

Das zweite Thema gibt es in einem neuen Thread.
Kreatives Schreiben - Teil 2 ... Hier klicken!

Ich habe einen neuen Thread eröffnet, damit wir nicht durcheinander kommen.

Das soll aber nicht heißen, dass niemand in diesem Thread weiter zum o.g. Thema schreiben darf.

In diesem Thread lautet das Thema weiterhin:

Was gibt es Traurigeres als ein Zug im Regen, der nicht fährt?

Bearbeitet von Syntronica am 11.11.2005 15:52:47


Meine Geschichte zum Thema:

Noch immer prasselt der Regen an die Scheiben.
Ich sehe den Gang hinunter, auf dem spielende Kinder toben. Die Langeweile vertreiben sie sich auf ihre Art.

Der ältere, etwas korpulente Herr mir schräg gegenübersitzend zwirbelt zum wiederholten Mal seinen buschigen, ungepflegten Schnurrbart. Er streckt seine Beine von sich - murmelt etwas vom Krampf im Bein – und sieht auch sonst ziemlich gequält drein. Ich nicke ihm kurz zu und wende mich ab. Offensichtlich bereitet ihm der Lärm, den die spielenden Kinder von sich geben, Unbehagen.
Ich setze den Walkman auf und wippe mechanisch mit den Füßen im Takt der Musik.

Aus dem Augenwinkel registriere ich den verstohlen Blick, mit dem mich der Mann mustert. Ich blicke zur Seite, in das kalte, wässrige Blau seiner Augen. Er ist mir unsympathisch, ich weiß nicht, warum. Auf seiner roten Knubbelnase bilden sich kleine Schweißperlen. Unweigerlich muss ich grinsen. Das Grinsen versteht er falsch. Er setzt sich kerzengerade auf, lächelt mich an und beginnt ein Gespräch.
Am liebsten würde ich eine Grimasse schneiden und ihm die Zunge rausstrecken. Stattdessen entschuldige ich mich, stehe auf und verlasse meinen Platz.

In Gedanken bin ich längst bei meiner Schwester, sehe sie mit ihren raspelkurzen Haaren vor mir stehen. Die Perücke liegt wieder im Schrank.

Der Regen lässt nach und in diesem Moment setzt sich der Zug langsam in Bewegung.

Meine krebskranke Schwester wartet auf mich am Bahnsteig. Ich freue mich auf das Wiedersehen und ein Lächeln huscht über mein Gesicht.


Was gibt es traurigeres als ein zug im regen, der nicht fährt? zum beispiel meine wenigkeit im regen ohne schirm. Am besten noch auf dem fahrrad, wo es einem so richtig schön ins gesicht peitscht. Natürlich kommt er auch völlig überraschend, wenn man ganz in gut aufsaugendem stoff gekleidet ist. Am anfang denkt man noch: och, das bisschen regen, ist ja auch mal ganz erfrischend. Bin ja nicht aus zucker. Doch spätestens, wenn die jeans vor nässe immer enger wird und zu platzen droht, vergehen einem die obligatorisch optimistischen regensprüche. Die haare hängen langsam wie spaghetti, die schminke läuft die wangen herunter… Das heißt man sieht aus wie eine mischung aus prinz eisenherz und marilyn manson zu seinen besten zeiten. Man muss sich entscheiden, ob man gegen die schwarzen tränen anwischt oder versucht alle freiliegenden hautstellen dauerhaft zu verdecken, damit nicht auch noch was in die hintere ritze läuft. endlich am ziel, muss man nur noch in seinen furzenden schuhe zur haustür matschen und sich überlegen wo man die nassen sachen auszieht, um nicht eine mittelschwere überschwemmung in der wohnung zu verursachen. Nach einer guten halben stunde trockenföhnen, kann man mit den vorbereitungen beginnen, die vorprogrammierte erkältung abzuwenden…


Habe es jetzt erst entdeckt und versuch mich als Anfänger mal am ersten kreativ - schreib threat.

Was gibt es Traurigeres als ein Zug im Regen, der nicht fährt?

Frankfurt/Main Hauptbahnhof. Ich warte auf den Nachtzug. Neben mir die Geschenke, drei grosse Päckchen und ein kleines, das in meiner Manteltasche steckt. Die grossen, das ist nur Schein, in dem kleinen liegt die Würze. Mit mir reist auch ein Koffer. Es ist 22.30. Es regnet. Es sollte schneien. Morgen ist doch Weihnachten, heiliger Abend. Ich denke, wie lange es doch her ist, dass wir Weihnachten mit Schnee feiern konnten. Als wir noch Kinder waren, ... ach diese Sentimentalitäten. Aber sie tun auch gut. Eine Sentimentalität auch, dass ich gerade diesen Zug nehme: ein richtiger Nachtzug mit Schaffner und diesen altmodischen Abteilen.

Ich werde ihn bestechen: Bezahlen für ein Zweibett und darum bitten, dass niemand zu mir gelegt wird. Klappt eigentlich immer. Ich stelle mir vor, wie die Fahrt verlaufen wird:
Einsteigen, alles verstauen - der Schaffner wird mir helfen mit den grossen Packeten. Meine Gedanken springen. Und was wird meine Liebste Augen machen, wenn sie die Weihnachtspackete öffnet, von ihrem Weihnachtsmann gebracht, und wie werden ihre Augen strahlen, wenn sie das kleine aufmacht, das hier in der Manteltasche sicher schlummert. Es wartet nur darauf angelacht zu werden. Ich schmunzele und stelle mir ihr Gesicht vor und das Lachen ihrer Augen und meinen trockenen Kommentar.

Ich freue mich auf die Fahrt und auf das Ankommen und auf die Augen. Der Lautprecher am Bahngleis kündigt die Ankunft des Zuges an. Ja, jetzt erst diese Fahrt durch die Nacht geniessen mit einem guten Buch im Bett und einer Flasche Rotwein am Bett, beides genossen und einer Zigarre. Rauchen ist nicht erlaubt, aber wen kümmert es. Gut, dass der Bahnsteig überdacht ist. So spüre ich den Regen nicht, der eigentlich Schnee sein sollte.

Der Zug fährt ein. Hält. Schlafwagen ganz hinten. Ich stehe im richtigen Abschnitt. Ich kannte mal eine Russin, mit der ich Bahn fuhr und die war ganz begeistert, als sie im richtigen Abschnitts des Zuges stand. Sie murmelte etwas von Zauberei und ich stehe vor dem Schaffner, bitte um ein Double. Nein, eine Fahrkarte habe ich nocht nicht, er könne sie mir doch ausstellen. Natürlich, das sei doch seine Aufgabe. Ich warte kurz, er steigt in den Zug, kommt nach kurzer Zeit zurück, hilft mir mit dem Einladen, zeigt gleichzeitig das Nachtquartier und bittet mich in sein Abteil, um die Fahrkarte auszustellen. Ich zahle zuviel - stimmt so - er versteht. Ich würde in dieser Nacht alleine bleiben. Herrlich. Würde mein Buch lesen und die Flasche Wein trinken, die ich noch kaufen werde. Ach ja, ich werde ihm auch einen Hinweis geben, dass es nicht brennt im Zug, falls er Rauch riechen würde.

Und dann denke ich an die strahlenden Augen. Ich vergewissere mich, ob das Päckchen noch in der Manteltasche ist. Oh ja - das ist es, Quelle der Freude. Morgen Abend ist es so weit.

Der Zug setzt sich in Bewegung. Gepäck ist verstaut. Ich liege im Bett. Die Flasche Rotwein ist geöffnet. Zigarre angezündet und mein kleiner Aschenbecher, den ich immer bei mir trage bereit. Der Regen trommelt gegen die Scheiben. Er scheint stärker geworden zu sein. Der Gemütlichkeit tut das keinen Abbruch. Das Buch liegt schon auf dem . Ich schlage es auf und gebe mich einem Genuss hin, den keiner nachvollziehen kann, der es nicht schon einmal gemacht hat:

Im rollenden Zug ein Buch zu lesen, in einem Bett zu liegen, ein Glas Rotwein zur Hand und dazu eine Zigarre. Und das alles zusammen.

Das kleine Päckchen habe ich unter mein Kopfkissen gelegt.

Ich lese und die Zeit fliegt. Es ist 1.00 Uhr in der Nacht. Zeit zu schlafen, morgen um 7.00 Uhr bin ich da. Ich schlafe ein... in Gedanken an an Päckchen mit brilliantem Inhalt und der Frage im Kopf: "Willst du meine Frau werden". Ja ich werde sie fragen, endlich nach 15 Jahren, werde ich sie fragen, am Heiligen Abend werde ich sie fragen und sie wird nicht "nein" sagen können. Lächelnd treibe ich dem Schlaf zu, nur noch wenige Stunden. Der Regen wird heftiger oder ist das Einbildung?

Als ich erwache, steht der Zug. Draussen ist es heller Tag, Weihnachtstag. Ich reibe meine Augen. Wo sind wir, warum fahren wir nicht. Warum hat mich keiner geweckt, es müsste doch noch dunkel sein. Ist mein Geschenk noch da und die strahlenden Augen.


Ich öffne die Tür des Abteils. Der Schaffner kommt mir entgegen. Es tut mir leid, wir werden wohl noch eine Weile feststecken, die Gleise sind total vereist und es regnet weiter. Wir wissen noch nicht, wann es weitergehen wird.


Ich gehe in mein Abteil, nehme das brilliante Geschenk in die Hand und werfe es aus dem Fenster und mit ihm die Frage. Wenn schon ein Zug nicht mehr weiterfährt, wenn es ein wenig regnet.....

Was gibt es Traurigeres als ein Zug im Regen, der nicht fährt, dann sind es Menschen, die nicht weiterfahren wollen, weil es regnet.


Müde und abgekämpft von der stressigen Arbeit und den letzten Tagen kauert Mathias auf dem Sitz des letzten Wagons. Und das am letzten Tag des Jahres. Gelangweilt blickt er aus dem Fenster, betrachtet den tristen und regennassen Bahnhof und lässt dabei den heutigen und die vergangenen Tage Revue passieren.

Seine Arbeit, als Bauhelfer setzte ihm zu, lange würde seine Gesundheit die anstrengende Arbeit, die es bei Wind und Wetter zu verrichten galt nicht mehr mitmachen. Seinen Rücken spürte er jetzt schon kaum ! Aber noch mehr, als sein Job setzte ihm die Trennung von Marcie zu. Rausgeworfen hatte sie ihn. Einfach so und für ihn garnicht verständlich. Hatte er doch immer nur das Beste gewollt. Ja, er weiß, mit der Wahrheit hatte er es nicht immer so genau genommen und ein bisschen betrogen hatte er auch. Er war eben Schwach, ein schwacher Typ, der eine starke Schulter brauchte, was zum Anlehnen eben.

Bärbel seine erste Ex, würde sagen vorn herum ein Möchtegern und hinten herum eine Memme, ein Feigling eben, der allem aus dem Weg geht. Aber auf eine heiße Nacht hatte sie sich doch noch einmal mit ihm eingelassen! Luder denkt er und grinst dabei! Und Marcie, sie hatte ihn gleich durchschaut, hatte seine Spielchen nicht lange mitgemacht. Wut packt ihn, auf sich, auf Marcie und auf Bärbel! Mistweiber denkt er! Zornig hebt er den Fuß und schleudert ihn an die gegenüberliegende Bank! Gemocht hatte er Marcie, sie war so großzügig und freundlich zu ihm.
Jetzt ist alles verloren, beide haben ihm den Laufpass gegeben. Frust überkommt ihn und heute ist auch noch Silvester! Ein Blick auf die Bahnhofsuhr zeigt ihm an, dass er schon 40 Minuten im Zug sitzt, ohne dass dieser Anstalten macht sich in Bewegung zu setzten. Schiiit denkt er, auch das noch! Was gibt es traurigeres, als an Silvester und einem Regentag in einem Zug zu hocken der nicht fährt und Trübsal zu blasen!


Ich habe gelesen, dass ev. Interesse am Schreiben von
Kurzgeschichten besteht..... also wer mag, kann hier loslegen....

..... es gibt 10 Teile, sucht euch sie doch selber raus.
Alle kann ich ja nicht hier hervorholen...


Ist was lang geworden, aber musste raus... ;)


Was gibt es Traurigeres als ein Zug im Regen, der nicht fährt.

Gustav war schon bald 40 und hatte immer noch keine Frau.
Dabei sah er gar nicht so schlecht aus. Wenn man das schüttere, aschblonde Haar übersah und auch mit einem fülligeren Mann vorlieb nahm, der nichts lieber tat, als bei seiner Köchin in der Gutsküche zu naschen und alleine vor dem Wandspiegel Walzer zu tanzen, dann, ja dann war er eigentlich sogar eine gute Partie.
Doch all seine Bemühungen eine Frau zu finden waren gescheitert.
Auf all den feinen Teegesellschaften, die seine Mutter für ihn gab, kicherten die eingeladenen jungen Damen hinter ihren Fächern und machten sich heimlich lustig über ihn.
Das machte ihn nervös und ließ ihn unentwegt stottern und schwitzen.
Ach, das machte alles keinen Spaß mehr.

Bis zum 15. Oktober 1912
Da verliebte sich Gustav in Grete.
Und Grete sich in ihn!
Grete, eine schlanke Frau in den besten Jahren. Sie stand mit beiden Beinen auf der Erde und führte mit eiserner Hand den Hof ihrer Eltern.
Wie Gott es wohl wollte, hatte Gustav eine Reise nach Hamburg machen müssen und hatte ihn auf halbem Weg in ihr Dorf geführt.
Sein Pferd lahmte und als er mit seinem Wagen auf den Hof des Schmieds einfuhr, da sah er sie.
Sanft strich sie über den Hals ihres Hengstes und sprach leise auf ihn ein.
Gustav und Grete kamen ins Gespräch und siehe da! Er redete wie ein junger Gott und stotterte kein einziges Mal!
Es war, als ob sie aufeinander gewartet hätten.
Und sie wollte ihn wieder sehen! Schüchtern und mit gesenktem Kopf stand diese prachtvolle Frau vor ihm. Er konnte es kaum abwarten sie beim Kirchgang am nächsten Sonntag wieder zu sehen!

Seine Mutter schalt ihn eine so weite Reise wegen einer Frau zu machen.
Was konnte das schon für eine sein, die sich ihr dummer Herr Sohn da ausgesucht hatte.
Eine alte Witwe vielleicht, oder schlimmer, ein Flittchen, das es auf sein Geld abgesehen hatte.
Doch Gustav stellte seine weit abstehenden Ohren auf Durchzug und war eine Stunde zu früh am kleinen Bahnhof seiner Ortschaft.
Er schnippte mit den neuen Hosenträgern und strich seine gute Jacke zum hundertsten Mal glatt
Eindruck wollte er machen und nicht so elend schlammverdreckt vor Grete treten.
Die Achseln schweißnass und die Blumen schon halb zerdrückt, setzte er sich auch noch auf sein Gesangbuch.
Die anderen Fahrgäste rückten ab, um dem gewichtigen Mann Platz auf der Abteilbank zu machen.

„Grete, nein Grete, du hast ja‚n Freier! Ja , was die Mutter wohl dazu sagt.“ spotteten die Kinder des Nachbarn. „Bist du denn schon alt genug zum Heiraten?“
Wütend biss Grete ihre dünnen Lippen zusammen und warf einen leeren Milcheimer hinter den Gören her.
Die lachten, warfen ihre Mützen in die Luft und hüpften gespielt erschreckt davon.
„Lacht ihr nur.“ dachte Grete. „Irgendwann wird ich’s euch noch zeigen. Die Milch werd ich teurer machen und euch nur die alten Eier mitgeben!“
Grete zog ihr warmes Wolltuch enger um die Schultern und rückte ihre gestärkte Spitzenhaube zurecht. Sie rieb sich die Wangen, um ein wenig Farbe hinein zu bringen, doch die waren vor Freude auf ihr Treffen mit Gustav ohnehin schon puterrot.
Sie schnalzte mit der Zunge und fuhr mit klopfendem Herzen zur Kirche.

Langsam und gemächlich ruckelte die Bahn Richtung Grete. Gustav schaute aus dem Fenster und träumte. Auf den Wegen stand Grete und winkte ihm zu. Auf den Baumwipfeln saß sie und liebkoste Eichhörnchen. Und sogar dort hinten im Bach tanzte sie mit den Wellen und hob ihr Kleid über die Knöchel.
Der leichte Regen, der schon vor einer Stunde eingesetzt hatte, wurde stärker und stärker.
Die Fahrgäste schauten missmutig aus dem Fenster und dachten an eine feuchte Weiterreise.
Und plötzlich stoppte der Zug.
Nichts ging mehr.
Es regnete, es goss und der Zug stand.
Ein Baum lag quer über den Schienen und es würde Stunden dauern bis ein paar kräftige Männer aus dem nächsten Ort kämen und ihn wegräumten.
Gustav saß blass und still auf seiner Bank

Als Grete nach Hause fuhr, war ihr Mund ein farbloser Strich.
Zwei Messen lang hatte sie vor der Kirche gewartet und dann hatte der Messdiener sie hereingeholt.
Sie hatte das Hochamt und die letzte Messe gehört und als schließlich der Herr Pastor die Kerzen löschte, da war sie gegangen.
Mit starrem Gesicht lenkte sie den Wagen in den Hof und sprang vom Bock.
Sie hörte nicht die Rufe der Kinder und spürte auch nicht die Erdbrocken, die ihren Umhang trafen.
Sie holte den Melkschemel, stellte den Eimer unter Elsas dickes Euter und lehnte ihren Kopf an ihr weiches Fell.
Und weinte.

:wub: :heul: :wub: :heul: :wub: :heul: :wub: :heul: :wub:


:heul: :heul: :heul: :heul:
Da kann doch jetzt nicht Schluss sein, warum kriegen sie sich nicht??
Kein Hoffnungsschimmer.......???

War gut, deine Geschichte, Dobby!

Bearbeitet von anitram.sunny am 15.09.2006 00:27:26


Mit zusammengepressten Lippen lehnte sie sich gegen die weiche Kuhflanke... Elsa trat ein paar Schritte zurück und brummte. Trotzdem waren die kundigen Hände ihr nicht zuwider- sie erkannte die erfahrene Melkerin.
Mit ein paar geübten Strichen strömte Elsa Milch in die Kanne, und Grete wußte, was niemand vor ihr ahnte: Das Tier erkannte sie- und ihre Griffe.

Während Elsa endlich ruhig stand und Grete an der warmen Tierflanke ihren Tränen freien Lauf ließ, bemerkte sie gar nicht, wie sich das gut geölte Stalltor öffnete und eine ruhige Stimme dn 200 Kühen Einhalt gebot... nicht einmal die Melker der 2. Schicht bekamen etwas mit... bis auf Elsa -Kuh, die hingebungsvoll Gretes Tränen ableckte.

Bearbeitet von Die Bi(e)ne am 15.09.2006 03:28:38


:applaus: :applaus:
Ich weiß ja nicht, wass Dobby dazu sagt, aber das gefällt mir auch.....


:D ja, so ungefähr dachte ich mir das auch... :rolleyes:

Immerhin hat sich Gustav ja gegen seine Mutter durchgesetzt und ist zu Grete gefahren.
So kurz vor dem Ziel ist er zu Höchstform aufgelaufen!

Ach, war das ein Wiedersehen!

Grete und Gustav haben übrigens drei Monate später geheiratet.
Naja, sie mussten sowieso... rofl

Der Herr Pastor hat auf der Hochzeit ungeniert mit Gustavs Mutter geschäkert und den guten Korn geleert.
Grete und Gustav haben ein halbes Jahr nach der Hochzeit einen kräftigen Sohn bekommen.
Ein Jahr später bekam Klein-Nils seine Schwester Martha.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Zufrieden??????? ;)



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